2016-04-04 20:00:59      Christoph

Als ökonomisch denkende Menschen haben wir in den letzten Jahrzehnten entweder alte Marktmodelle bzw. Machtmodelle aufrechterhalten, neue erschaffen oder zumindest zugelassen, die Profitgier fördern und das Motto „Unbedingter Erfolg, egal wie hoch der Preis ist.“ stets im Subtext propagierten. Als Folge dessen entstand eine Gesellschaft, die dieses Motto verinnerlichte und sich entscheiden musste, ob sie diesen Weg geht und Erfolg hat oder dies ablehnt und mit harter, ehrlicher Arbeit entweder aufsteigt oder kläglich scheitert. Wie sich nicht nur durch den aktuellen Fall herausgestellt hat, haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten einige Banken, Unternehmen, Organisationen und einflussreiche Privatpersonen professionell und systematisch Schlupflöcher gesucht, gefunden und ausgenutzt. „Get rich or die tryin’“ – ist ja nicht umsonst von einem selbst ernannten Gangster-Rapper.
Durch diese und andere Handlungen wurde anscheinend eine Wirtschaftskultur geprägt, in der man sich gar keiner Schuld mehr bewusst ist. Laut der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, die beschuldigt wird, ihren Kunden dabei geholfen zu haben Geld zu waschen, Steuern zu hinterziehen und Sanktionen auszuweichen, war man 40 Jahre lang über jeden Zweifel erhaben, mit dem Argument, dass man nie des kriminellen Unrechts angeklagt wurde. Eine Wirtschaftskultur bei der regelwidrige Prozesse solange aufrecht erhalten werden dürfen, bis sie auffliegen. Was in diesem Fall stolze vier Jahrzehnte funktionierte und aufzeigt, wie gut dieses System abgeschirmt und verschleiert wurde. Allein in der jüngsten Vergangenheit wurde bereits klar, dass wir hier nicht mehr von Einzelfällen reden, sondern von akribisch aufgebauten Systemen, die nicht zum letzten mal in den Medien für Aufregung sorgen werden. Aber so wirklich wundern will sich bei diesen Enthüllungen mittlerweile auch keiner mehr. Eine der ersten Reaktionen im deutschen Twitter-Raum, waren die #Briefkastenfilme. Man nimmt es halt mit Humor, solche Meldungen sind eben fast schon alltäglich in den Medien.briefkastenfilme_twitter_zulundi
Dank 400 Journalisten, angeführt von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), und einer anonymen Quelle konnten 2,6 Terabyte Daten aus 11,5 Millionen Dokumenten zu mehr als 214 000 Briefkasten- und Finanzgeschäften in Steueroasen ausgewertet und der Öffentlichkeit, Medien und Behörden zugänglich gemacht werden. Diese Datenleaks, die nicht erst seit Edward Snowden aber vor allem durch ihn einem breiten Publikum bekannt wurden, sind eine maßgebliche Folge von Technologien und einer globalen Netzkultur. Hierbei ist nicht die Rede von einer „Shitstorm“-  oder „Troll“-Kultur, die Boulevard-Medien gerne mal in den Mittelpunkt der Netzkultur stellen, sondern eine globale Kultur, die für transparente Informationen und Aufklärung steht. Im Fall der Panama Paper ist hier vor allem ICIJ (The International Consortium of Investigative Journalists) zu nennen, die mit der heutigen Technologie ein journalistisches Netzwerk erschaffen haben, mit dem sie in der Lage sind, schneller als die meisten Behörden dieser Welt, Daten in einem Team auszuwerten – klassischer Journalismus neu interpretiert. Und diese Netzwerke, Plattformen und Communities sind lange keine Seltenheit mehr. Nicht nur um Skandale aufzudecken, sondern den Menschen als Individuum in ein gesundes Verhältnis mit der Gesellschaft zu stellen, meist angelehnt an die „Global Goals“. globalgoals_sustainable_businessUm Armut und Hungersnot zu bekämpfen, für Bildung und Gleichberechtigung zu sorgen sowie nachhaltig und verantwortungsvoll zu handeln. Und das immer mit dem Fokus auf Transparenz, um Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu stärken. So klischeehaft diese Ausdrücke auch klingen mögen, Transparenz ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit im digitalen Zeitalter. Und dabei ist nicht die Rede von Instagram-Fotos, bei denen man zeigt, was man zum Mittag isst oder welches Kleid man gerade anprobiert, sondern von Unternehmen und Organisationen, die Zahlen, Fakten und Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, weil sie erkannt haben, dass sie nicht nur Verantwortung gegenüber Stakeholder haben, sondern auch gegenüber Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft.
Aber wird Transparenz in klassischen Wirtschaftssektoren als Zwang verstanden? Als cleverer Marketing-Schachzug interpretiert und gehofft, dass es nur eine Phase ist? Oder wird Transparenz und konsequentes sowie konsistentes Handeln und Kommunizieren als Chance wahrgenommen. Eine Chance, durch verantwortungsvolles Handeln, aus wirtschaftlicher Sicht eine neue Form der Kundenzufriedenheit und -bindung zu erreichen, Moral und Motivation bei Mitarbeitern zu steigern und gleichzeitig eine zukünftige Gesellschaft zu prägen, die nachhaltige Werte lebt und nicht korrumpierte Interessen vertritt. Wir alle, aber vor allem einflussreiche Personen in Wirtschaft und Öffentlichkeit, stehen vor einer wichtigen Entscheidung, welchen Weg wir für uns, unsere Kinder und Enkelkinder einschlagen. Profit durch Verschleierung, Machtgier und dubiose Geschäfte oder Profit durch Verantwortung und Vertrauen, um auf einer nachhaltigen Basis in die Zukunft gehen zu können. Die Digitalisierung ist vor allem eine Chance für die Unternehmen, Organisationen, Projekte, Künstler u.s.w., die wissen, warum sie das tun was sie tun und dies mit Überzeugung und Leidenschaft transparent kommunizieren und leben. Für alle anderen ist Digitalisierung eine Chance zur Rehabilitation. (cb)